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Ich hieß Sabina Spielrein
"Fälle wie dieser", schrieb Sigmund Freud an seinen Schüler und späteren Konkurrenten C.G. Jung, "sind besonders schön zu durchschauen." Ein Irrtum. Denn dieser Fall war nie ganz zu durchschauen. Weder für Freud noch für Jung. Und auch nicht für den Zuschauer dieser semidokumentarischen Rekonstruktion.
Erzählt wird die Geschichte von Sabina Spielrein: Jungs erste Patientin, die sich in ihren Therapeuten verliebte, später bahnbre-chende Arbeiten über Kinderpsychoanalyse verfasste und mit Freud und Jung in regem Briefwechsel stand. Seitdem dieses und anderes umfangreiches Material entdeckt wurde, wird Spielrein als Wissenschaftler in wiederentdeckt. Der Film von Elisabeth Márton will aber mehr als historische Gerechtigkeit walten lassen: Er lässt in die Seele einer Frau blicken, die zeitlebens an ihrer verfehlten Liebe zu Jung litt. Entsprechend zweigleisig ist der Streifen angelegt: Auf der einen Seite liefern die verschiedenen Off-Stimmen viel Information über eine schwierige Biografie, auf der anderen wird in stummen schwarz-weißen Spielszenen dem Stoff atmosphärische Anschaulichkeit verliehen. Ein komplizierter Spagat, der dank guter Darsteller und einer raffinierten Kameraführung fast immer gelingt. Nicht nur für Freunde der Psychoanalyse sehenswert.

Dirk Pilz
Aus: zitty 24/2003, Berlin.

Wohin wird zu weit gegangen?
Ein Dokumentation über die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein

Die erste Patientin ist psychotisch und hysterisch: Sie überschüttet den Analytiker mit grenzenloser Liebe. Der zweite Patient, ein Morphinist, hält demselben Arzt vor, dass dieser seine inneren Sehnsüchte verdränge. Der Arzt wird schwach. Carl Gustav Jung war einer der Ersten, der seine Patienten nach Sigmund Freuds Methode behandelte. Die Wagnisse der Übertragung von Gefühlen zwischen Therapeut und Patient waren noch nicht ausgelotet. Es sollte also vorsichtig sein, wer Jung einen Vorwurf daraus macht, dass er sich 1905 auf eine Liebesbeziehung mit seiner Patientin Sabina Spielrein einließ.
Zumal er ihr Gemüt zumindest soweit heilte, dass Spielrein Medizin studieren konnte, als erste Frau überhaupt mit einer psychoanalytisch orientierten Arbeit dissertierte und wissenschaftlich publizierte. Spielrein heiratete (wenn auch wenig glücklich) und brachte zwei Töchter zur Welt; sie nutzte die eigene Mutterschaft, um die Kinderseele zu erforschen und wurde im Jahr1941, im Alter von 57 Jahren, am Stadtrand von Rostow am Don von deutschen Mördern erschossen.
Kleine Teufeleien
Um diese Frau geht es in dem Film "Ich hieß Sabina Spielrein", der Spielszenen, alte Wochenschauen, Dokumente und Fotografien verbindet. 1977 wurde ein Koffer mit Tagebüchern und Aufzeichnungen von Spielrein gefunden. Er enthielt ihre Korrespondenzen mit Jung und Freud – eine lückenarme Quellenlage in einem spannenden Fall, der sich auf verschiedene Weise ausschlachten ließe. Die Regisseurin Elisabeth Márton beschränkt sich bei den meinungsbildenden Maßnahmen wohltuend. Sie versucht gar nicht erst, objektiv zu sein, sondern folgt der Sicht von Spielrein. Diese kommt folglich am besten weg: als interessante, moderne und geheimnisvolle Frau. Spielreins Krankheitsanfälle finden in von mildem Licht durchfluteten Bildern statt, in denen Federn fliegen – das sieht alles ein bisschen zu charmant aus, nach "kleinen Teufeleien", wie Jung es nannte. Der Arzt ersparte sich in seinen Berichten die Darstellung der Symptome nicht, die Abweichungen der Patientin bei der Defäkation und Masturbation, aber Jung hatte ja, anders als die Regisseurin, keinen ästhetischen Anspruch. Glücklicherweise also kommen Spielreins Symptome im Film nur textlich vor, wodurch allerdings ein Ungleichgewicht entsteht, eines, das die Not der Patientin eben halbwegs charmant aussehen lässt. Gerade in den Intimitäten, die ein Arzt von seiner Patientin erfährt und die ihm bekannt bleiben, wenn er nicht mehr ihr Arzt, sondern ihr Ge-liebter ist, steckt der eigentliche Abgrund eines solchen Films. Dieser Abgrund bleibt undarstellbar, er muss ästhetisiert werden, doch die Regisseurin hält auch Distanz zu diesem Abgrund, weil sie nicht auf die verschlissenen Stilmittel verfilmter Psychoanalyse verzichten mag: auf Überblendungen, verschmelzende Gesichter, zerwühlte Kopfkissen, die Detailaufnahme des Therapeuten-auges hinterm Nickelbrillengestell. Dennoch wirft der kenntnisreiche Film viel Licht auf die historischen Begebenheiten und nähert sich dem Thema mit ansteckender Liebe und Sorgfalt.

Ulrich Seidler
Aus: Berliner Zeitung, 13.11.2003

Quote from Filmreview in Dagens Nyheter from 14.10.02
by Helena Lindblad
...Docudrama is a delicate genre especially when it is dealing with history. Many people fell into the temptation of mixing dry facts with colourful romantic images. The filmmaker Elisabeth Márton, who has already proven her ability to realize well thought out films (among others "Way of the Winds”, where she illustrates the life and work of the photographer Lütfi Özkök), finds from the very beginning a happy balance between sensationalism and contemplation, between emotion and knowledge. Márton and her team create an elegant and aesthetically challenging puzzle emplying conventionell methods like old diaries, yellowed photographs and crumpled papers. The short dramatic scenes appear like quickly hurrying shadows. They form and underline a spiritual condition and do not simply function as a dramatic device.
That’s god, paticularly in relation to the tragic end which shows how Sabina Spielrein and her family once again found themselves trapped between two unforgiving rulers: Stalin and Hitler. Her brothers became victims of Stalin’s terror. Sabina Spielrein was killed in 1942 in Rostov on Don by Nazi soldiers.


”The way these women manage to charm us with every conceivable psychic perfection until they have attained their purpose is one of nature’s greatest spectacles.”
– Sigmund Freud

In a letter to Carl Gustav JungThe history of psychoanalysis is littered with the discarded psyches of the women whose diagnoses were key to the fame of the great masters. One such woman was Sabina Spielrein. Unlike the rest, she didn’t vanish forever from history. Elisabeth Márton´s film relates, restages and remembers the tragic story of Spielrein’s life as gleaned from a box of her papers discovered in 1977 in the cellar of Geneva’s former Institute of Psychology.
Spielrein was a young Russian-Jewish woman of 18 when she arrived in August 1904 at the Burghölzli clinic in Zurich where Carl Gustav Jung had set up shop. She was his first patient. He was 29 and married. Her cathexis was rapid and she formed an intense attachment to her young doctor, who seems to have reciprocated. But after Sigmund Freud’s note (above) on the nefarious nature of females, the doctors hatched the theory of counter-transference to explain their feelings. Luckily, this wouldn’t be Sabina’s final contribution to psychoanalysis. Pronounced cured, she became a psychoanalyst herself and, within eight years, was practising alongside the founding fathers.
The correspondence between Spielrein, Freud and Jung discovered that day in the Geneva basement has become essential to understanding the evolution of psychoanalysis – and the virtually insurmountable challenges facing woman who sought to contribute in any role other than that of patient.
Márton’s deft re-enactments and the actors’ dramatic readings of Spielrein’s own words tell a chilling story, bringing to light both the work of this pioneer and the dark side of psychoanalysis. Documentary and drama carry Spielrein’s life into the crosshairs of warring ideologies (Communism, National Socialism). With a rare gift for melding subjectivity with biographical facts, Márton brings Sabina Spielrein back to life, body and soul.
B. Ruby Rich
Toronto International Film Festival 2002


Entertainment Today
Los Angeles
January 31-February 6,2003
Best of the Fest in Palm Springs
My Name Was Sabina Spielrein
(Sweden/dir. Elisabeth Márton)
An amazing, uniquely and poetically told doc which follows the life of Sabina Spielrein, a Russian Jew who was Carl Jung´s patient, then lover and eventually associate of Jung and Sigmund Freud, inevitably creating the field of child psychology but succumbing to the politics of World War II Europe. Marton miraculously imbues the film with fluid recreations and imagery, sometimes dreamlike in their power, in telling of Spielrein´s remarkable life and contributions.
Brad Schreiber

 

Links:

Homepage Bernd Nitzschke: home.subnet.at/werkblatt/nitzschke/film.html